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Wirbelwerk || Neurochirurgie - Carsten Stüer


Frau B. macht Rumpfbeugen.

Um Himmels willen, was hat die Frau vor, sie ist immerhin über siebzig! Da springt sie auch schon aus dem Sessel und stellt sich in Positur: den schlanken Körper kerzengerade gereckt, den Kopf hoch erhoben, ein Lächeln im Gesicht, verschmitzt und auch ein wenig stolz. Und dann beugt sie sich vor, biegt den Oberkörper immer weiter nach unten, ohne Anstrengung, streckt die Arme, bis die Hände flach auf dem Boden liegen. Und das gleich ein paar Mal.

Sie lacht. Über fünfzig Jahre hat sie davon geträumt, so was zu können.

Von Kindheit an litt sie unter einer Rückgratverkrümmung, ohne bis heute die Ursache zu kennen. Irgendwann mal stürzte sie mit dem Fahrrad und sagte zu Hause kein Wort. Das kann es gewesen sein, muss aber nicht. Sie wurde gequält mit heute mittelalterlich anmutenden Sachen wie Korsett und Streckbett und litt unter den Schmerzen mindestens genauso wie unter ihrer durch diverse Spiel- und Sportverbote erzwungenen Außenseiterrolle.

Irgendwann findet der Mensch sich mit so was ab. Und als Carsten Stüer sie kennenlernt, sagt sie wahrhaftig, das lohnt doch nicht mehr. Aber Nein sagt sie nicht. Jetzt sind die vier oberen Lendenwirbel und das Kreuzbein mit einem komplizierten Gewirr aus kreuz und quer verlaufenden langen Schrauben und dünnen Stangen verschraubt und somit versteift. Das Röntgenbild sieht abenteuerlich aus, Frau B. zeigt es vor und lacht schon wieder. Ein halbes Jahr nach der Operation hat sie endlich ihre Enkel in Süddeutschland besucht. Die lange Fahrt hätte ihr Rücken vorher nie mitgemacht.